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Geschichte



Geschichte

 

Foto: Igor Pastierovic
Martin Fischer-Dieskau, Dariusz. Mikulski, Virtuosi di Praga -Eröffnungskonzert -zahajovací koncert -Cheb 2002



Festival Mitte Europa Neue Nachbarschaften · Dialog der Kulturen
Entstehung und Hintergründe

Der Gedanke, das deutsch-tschechische FESTIVAL MITTE EUROPA, Bayern · Böhmen · Sachsen zu realisieren, hatte seine Wurzeln im Jahre 1990. Zu dem Vorhaben trugen einerseits der Fall der Mauer und andererseits die persönlichen Biographien der Festivalinitiatoren bei. Das Ehepaar Thomaschke, der deutsche Konzert- und Opernsänger Thomas Thomaschke und die promovierte Prager Kunsthistorikerin Ivana Thomaschke-Vondráková, die beide 1976 aus der DDR emigrierten, entwickelten gemeinsam mit Freunden den Plan, aktiv das Zusammentreffen und die Zusammenarbeit der Menschen vor allem in den Grenzgebieten zwischen dem bisher geteilten Deutschland und der damaligen Tschechoslowakei zu fördern. Zu diesen unterstützenden Freunden gehören unter anderem die ostdeut- sche Ärztin Dr. Maria Schubert und deren Ehemann, der evangelische Pfarrer Friedemann Schubert, ebenso wie einige tschechische Kunsthistoriker, wie zum Beispiel Dr. Jiří Vykoukal, Direktor der Galerie für bildende Künste in Cheb, oder Jana Orlíková, die damalige Direktorin der Grafischen Sammlung der Nationalgalerie Prag.

Als erste Aktion entstand so unter der Leitung von Kammersänger Prof. Thomas Thomaschke im Sommer 1990 eine internationale Gesangsmeisterklasse mit dem Namen „Grenzbegegnungen“ im sächsisch-vogtländischen Dorf Mißlareuth, welches in unmittelbarer Nähe der damaligen Grenzsperrzone zu Bayern liegt. Die „Welt“ endete am Dorfrand an der Mißlareuther Scheune, wo heute auch beliebte Veranstaltungen (Klassik/Jazz) mit Besuchern aus Sachsen, Bayern und Tschechien stattfinden. Nur wenige Kilometer trennen Mißlareuth vom heutigen thüringisch-bayerischen Mödlareuth, das durch Mauer und Stacheldraht getrennt wurde, und das der amerikanische Präsident Bush Senior einst als „Little Berlin“ bezeichnete.
Zu den ersten „Grenzbegegnungen“ in Mißlareuth trafen sich junge Sängerinnen und Sänger aus Ost- und Westdeutschland, der Tschechoslowakei, aus Österreich und Holland. Die Teilnehmer wohnten in den Familien der umliegenden Dörfer des ehemaligen Sperrgebietes, sie diskutierten hier mit ihren Quartiereltern, sie erlebten wohl zum ersten Mal unmittelbar die noch bestehenden, wenn auch schon offenen unmenschlichen Grenzbefestigungen, sie bestiegen die Betonwachtürme und sie fanden im Gelände blecherne „Übungsschießpuppen“ in der Form des menschlichen Körpers mit Einschüssen in Kopf und Herz. Diese Eindrücke und die Diskussionen mit den jungen Menschen, die nach der musikalischen Arbeit meist am abendlichen Lagerfeuer stattfanden, mündeten in die Überzeugung ein, daß gerade hier in den Gebieten des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ zwischen West- und Ostdeutschland, zwischen Sachsen und Bayern und zu den tschechischen Nachbarn die Chancen der neuen Gemeinsamkeit aktiv mitgestaltet werden müßten.
Kunst über Grenzen hinweg als Verständigungsmedium, ein Vermittler, mit dem auch innere Grenzen überwunden und das gegenseitige Mißtrauen abgebaut und Brücken der Versöhnung geschaffen werden können.

Kulturaktionen, mit denen in den über die Jahrzehnte abgeschotteten Grenzgebieten auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze vergessene Orte, Kirchen und Denkmale, die Landschaft wieder in das Bewusstsein zurückkehren und der einstige traditionelle „mitteleuropäische Kulturraum“ wieder neu belebt wird.

So wurde der Aufbruch einer Bürgerinitiative und die Umsetzung der ersten Mißlareuther „Grenzbegegnungen“, ein Herzstück des FESTIVALS MITTE EUROPA, zur Geburtsstunde einer bis heute einmaligen und beispielhaften innerdeutschen und deutsch-tschechischen Kulturaktion. Das Ehepaar Thomaschke erarbeitete die künstlerische und organisatorische Konzeption für das grenzüberschreitende FESTIVAL MITTE EUROPA – Bayern·Böhmen·Sachsen, welches geographisch die Grenzregion der sich später gründenden sächsisch-tschechisch-bayerischen Euroregion „Euregio Egrensis“ umfassen sollte.

Der Sommer 1991 wurde mit seiner II. Gesangsmeisterklasse „Begegnungen“ und einigen privat finanzierten Veranstaltungen zum „Nulljahr“ des FESTIVALS MITTE EUROPA - Bayern·Böhmen·Sachsen. In Cheb/Eger fand eine von den Festivalinitiatoren initiierte Konferenz der Bürgermeister und Kulturrepräsentanten aus dem westlichen Böhmen und den angrenzenden Gebieten in Bayern und Sachsen statt. Hierbei wurde eine erste Erklärung für eine grenzüberschreitende kulturelle Zusammenarbeit zwischen dem sächsischen Festivalträgerverein „Mißlareuth 1990. Mitte Europa“ e.V. und dem damals entstehenden tschechischen Euregio-Parlament, einem Vorläufer des späteren tschechischen Euregio Egrensis Vereins, unterzeichnet. Die vorgestellte Konzeption eines gemeinsamen sächsisch-tschechisch-bayerischen Kulturfestivals wurde begeistert aufgenommen. Die Resonanz war so groß, daß sich im folgenden Jahr 1992 bereits 30 westböhmische, sächsische und bayerische Orte im FESTIVAL MITTE EUROPA – Bayern·Böhmen·Sachsen, zusammenschlossen. In den folgenden Festivaljahrgängen wuchs die Teilnehmerzahl kontinuierlich weiter an.

Der Vorstand des gemeinnützigen Vereins „Mißlareuth 1990. Mitte Europa“ e.V. betraute Ivana und Thomas Thomaschke mit dem Aufbau und der Führung des Festivals. Mit Unterstützung eines kleinen deutsch-tschechischen Mitarbeiterteams entwickelte sich in den folgenden Jahren der grenzüberschreitende Kultursommer zu einem außergwöhnlichen Ereignis und zugleich zu einem herausragenden Modell des deutsch-tschechischen und des internationalen Kulturaustausches.
Von Anfang an verankerte das alljährlich siebenwöchige Programm weitgehend die künstlerischen Sparten wie Musik, Bildende Kunst, Literatur, Tanz, Theater und wurde sinnvoll durch Workshops, Symposien und Foren ergänzt.

Am 14. Juli 1992 begann mit dem Eröffnungskonzert der erste gemeinsame sächsisch-tschechisch-bayerische Festivaljahrgang. Er spiegelte schon symbolisch die Versöhnung in seiner künstlerischen Besetzung wider. In der altehrwürdigen sächsisch-vogtländischen Johanniskirche Plauen musizierten unter dem tschechi- schen Prager Dirigenten Jiří Bělohlávek die Bamberger Symphoniker aus Bayern, ein Orchester, welches nach der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg durch ehemalige Mitglieder des Deutschen Orchesters Prag gegründet wurde.

Seit dem Jahre 2004 verbindet das deutsch-tschechische Kulturereignis „Festival Mitte Europa – Neue Nachbarschaften · Dialog der Kulturen“ 65 sächsische, tschechische und bayerische Kommunen bzw. ländliche Gemeinden, ca. 400 km entlang der deutsch-tschechischen Grenze, von der Oberpfalz, Oberfranken, Westböhmen, über das Vogtland, das Erzgebirge bis in den Dresdner Raum und nach Nordböhmen. Es verbindet geographisch beispielhaft erstmalig drei Euro-Regionen, die Euregio Egrensis, Eurego Erzgebirge / Krušnohoří sowie Elbe / Labe.

Unter der Dachmarke des Festivals Mitte Europa werden immer wieder nachhaltige Kulturprojekte wie 2007 in Bezug auf europäische kulturelle Vielfalt „Variatio delectat · Vielfalt erfreut“, oder thematische Programmreihen der letzten Jahre, wie zum Beispiel „Genius loci“ und „Junges Kunstforum“, neu entwickelt und umgesetzt.
Die attraktiven und farbigen Programme ziehen seit 15 Jahren nicht nur ein Publikum aus den Einzelregionen vor Ort an, sondern die Menschen nutzen das breite Veranstaltungsangebot zum Besuch in der Nachbarregion auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. Die Kulturprojekte sind nicht nur ein außergewöhnliches Kulturereignis, sie unterstützen ebenso die Vernetzung von Institutionen, Vereinen und Kultureinrichtungen. Sie sind Ausdruck partnerschaftlicher grenzüberschreitender Zusammenarbeit und sie fördern den nachbarschaftlichen Dialog. Der gemeinsame international geprägte Kultursommer trägt zur Stärkung und zur weiteren Öffnung der Grenzregion bei. Er unterstützt mit seiner geographischen Lage, in einem historisch noch immer belasteten Grenzraum, das Zusammenwachsen der Europäischen Union. Nicht zuletzt zeichnet sich das Festivalmodell besonders durch die grenzübergreifende Projektzusammenarbeit von Bürgerinitiative, Kommune und Landkreis aus.

„Das Festival Mitte Europa bringt Grenzen zum Schmelzen“, so formulierte es Lord Yehudi Menuhin, der dem Festival Mitte Europa bis zu seinem Tode menschlich und ebenso als Dirigent intensiv verbunden war.




Das Festival Mitte Europa hat seit 1992 viele namhafte Künstler aus aller Welt begrüßen können. Unsere Künstlerliste ist hier für Sie zum Anschauen hinterlegt.